Multimodaler Altersschwindel – Informationen und Praxistipps für Patientinnen und Patienten

Wenn im höheren Lebensalter immer wieder Schwindelgefühle auftreten, steckt häufig nicht nur eine einzelne Ursache dahinter. Stattdessen wirken verschiedene Faktoren zusammen: altersbedingte Veränderungen an Augen und Ohren, Kreislauf- und Herzfunktionsstörungen, nachlassende Muskelkraft sowie psychische Einflüsse wie die Angst vor Stürzen. Bleibt bei einer gründlichen Untersuchung unklar, wo der Schwindel genau herrührt, sprechen Fachleute von „multimodalem Altersschwindel“ oder „multifaktoriellem Altersschwindel“.

 

Wichtige Symptome

  • Unsicheres Gefühl beim Gehen oder Aufstehen
  • Schwank- oder Drehgefühle ohne eindeutige Ursache
  • Mitunter Begleitbeschwerden wie Übelkeit, Herzklopfen, Kopfschmerzen
  • Häufig ausgeprägte Angst zu stürzen (manchmal mit einer Tendenz, alltägliche Aktivitäten zu vermeiden)

Treten diese Symptome wiederholt, sehr stark oder plötzlich auf, ist stets eine ärztliche Untersuchung zu empfehlen, um behandelbare Einzelfaktoren rechtzeitig zu erkennen.

 

Was kann man tun?

1. Ärztliche Abklärung

  • Medikamentencheck: Blutdruck- oder Beruhigungsmittel können Schwindel verstärken. Eine Anpassung der Dosis oder ein Wechsel auf andere Wirkstoffe kann helfen.
  • Fachuntersuchungen: Je nach Erstbefund können HNO-, kardiologische oder neurologische Untersuchungen sinnvoll sein, um z. B. Innenohrstörungen, Herzrhythmusprobleme oder Durchblutungsstörungen auszuschließen.

2. Kraft- und Koordinationstraining

Regelmäßige Bewegung ist bei Schwindel besonders wichtig. Der Körper lernt besser, Gleichgewicht zu halten, und gewinnt an Sicherheit.

  • Kniebeugen:

    1. Stellen Sie einen stabilen Stuhl bereit.
    2. Setzen Sie sich, stehen Sie langsam wieder auf, setzen Sie sich erneut.
    3. Variieren Sie die Geschwindigkeit und steigern Sie die Anzahl der Wiederholungen allmählich.
    4. Achten Sie darauf, dass die Knie beim Aufstehen möglichst nicht über die Zehenspitzen hinausragen.
  • Einbeinstand:

    1. Halten Sie sich an einem Tisch oder einer Stuhllehne fest.
    2. Heben Sie vorsichtig ein Bein an und versuchen Sie, die Position einige Sekunden zu halten.
    3. Wechseln Sie die Seite.
    4. Für mehr Schwierigkeit können Sie ein gefaltetes Handtuch unter den Fuß legen oder die Arme ausbreiten, wenn Sie sicher genug sind.
  • Koordinationsübungen (z. B. Oberkörperrotation mit Blickfokus):

    1. Legen Sie die Hände zusammen, Daumen zeigen nach oben.
    2. Strecken Sie die Arme vor sich aus und fixieren Sie Ihre Daumen mit dem Blick.
    3. Drehen Sie den Oberkörper langsam nach rechts und anschließend nach links – immer die Daumen im Blick.
    4. Wiederholen Sie die Übung mehrfach, zunächst im Sitzen, später im Stehen.

3. Angstabbau und Selbstvertrauen

  • Sanfte Steigerung: Beginnen Sie Übungen immer mit ausreichender Abstützung (z. B. an einem Tisch). Erhöhen Sie die Schwierigkeit schrittweise, um Ihr Vertrauen in den eigenen Körper zurückzugewinnen.
  • Gruppenangebote: Seniorensportkurse oder Rehabilitationssport bieten häufig ein ganzheitliches Trainingsprogramm. Gemeinsam fällt das Üben leichter, und Sie sind besser abgesichert.

4. Alltag und Umgebung anpassen

  • Sturzprophylaxe: Entfernen Sie lose Teppiche, befestigen Sie Kabel, sorgen Sie für gute Beleuchtung, nutzen Sie rutschfeste Matten im Bad.
  • Hilfsmittel: Ein Rollator oder Gehstock kann mehr Sicherheit bringen. Haltegriffe an der Wand, ein rutschfester Duschhocker oder ein Sitz in der Dusche sind ebenfalls nützlich.
  • Regelmäßige Check-ups: Augen- und Ohrenuntersuchungen sollten mindestens jährlich (oder nach Empfehlung der Fachärztin/des Facharztes) erfolgen. Auch der Blutdruck gehört regelmäßig kontrolliert.

 

Differentialdiagnosen im höheren Alter und Red Flags

Gerade weil Schwindel im Alter viele Ursachen haben kann, ist eine genaue Abklärung wichtig. Verschiedene Erkrankungen zeigen ähnliche Schwindelsymptome, erfordern jedoch zum Teil spezifische Behandlungen:

  • BPLS (Benigner Paroxysmaler Lagerungsschwindel)

    • Typische Kennzeichen: Sehr kurzer, aber starker Drehschwindel bei bestimmten Kopfbewegungen (z. B. beim Umdrehen im Bett oder beim Blick nach oben).
    • Red Flag: Wenn sich die Attacken häufen oder sehr stark werden, sollte zeitnah ein HNO-Arzt aufgesucht werden.
    • Behandlung: Oft helfen spezielle Lagerungsübungen, mit denen sich abgelöste Kristalle im Innenohr repositionieren lassen.
  • Morbus Menière

    • Leitsymptome: Anfallsartige Drehschwindel-Episoden, einseitiger Tinnitus und Hörminderung, häufig verbunden mit Übelkeit.
    • Red Flag: Starke, wiederkehrende Schwindelanfälle über Stunden mit Hörverlust erfordern eine HNO-ärztliche Abklärung.
  • Parkinson und andere neurodegenerative Erkrankungen

    • Schwindel kann durch Haltungsschwierigkeiten und Gangunsicherheit entstehen. Zusätzlich fallen oft „zittrige“ Bewegungen (Tremor) oder Muskelsteifheit (Rigor) auf.
    • Red Flag: Plötzlich stärker werdende Koordinationsprobleme, Stürze aus dem Stand oder weitere neurologische Symptome (z. B. Sprach- und Schluckstörungen) bedürfen neurologischer Abklärung.
  • Demenzerkrankungen

    • Schwindel wird hier manchmal überlagert von kognitiven Störungen (Gedächtnis-, Orientierungs- und Sprachprobleme).
    • Red Flag: Plötzlich auftretende Verwirrtheit, starke Verschlechterung der Gehfähigkeit oder ausgeprägte Unruhe sollten abgeklärt werden.
  • Orthostatische Hypotonie (Kreislaufregulationsstörung beim schnellen Aufstehen)

    • Typisch sind Schwindel, Schwarzwerden vor den Augen und gelegentlich kurze Ohnmachtsanfälle, wenn man rasch aus dem Sitzen oder Liegen aufsteht.
    • Red Flag: Häufige Ohnmachtsanfälle oder Stürze beim Aufstehen, besonders in Verbindung mit Herzrhythmusbeschwerden.
  • Herzrhythmusstörungen

    • Können zu Schwindel bis hin zu Bewusstlosigkeit führen (z. B. bei Vorhofflimmern oder AV-Block).
    • Red Flag: Spürbare Herzstolperer oder -rasen, verbunden mit plötzlicher Benommenheit oder Schwarzwerden vor den Augen.

Sollten solche Anzeichen (Red Flags) auftreten, ist es ratsam, rasch ärztlichen Rat einzuholen. Nur durch eine gründliche Untersuchung lässt sich klären, ob eine gezielte Therapie möglich ist.

 

Hinweis:

Der Begriff „multimodaler Altersschwindel“ bedeutet nicht, dass man den Schwindel einfach hinnehmen muss. Im Gegenteil: Sobald man weiß, welche Teilursachen vorliegen, kann man an verschiedenen Punkten ansetzen – sei es durch eine Medikamentenoptimierung, regelmäßiges körperliches Training, eine Umstellung der Alltagsgewohnheiten oder den gezielten Abbau von Angst und Unsicherheit. So können Sie trotz Schwindelbeschwerden Ihre Lebensqualität im Alter steigern